Monday, June 02, 2008

Wessis und Ossis - und die Wut auf die Schwaben

Seitdem wir im Prenzlauer Berg/im Osten wohnen, ist das Ossi-Wessi-Thema überhaupt erst ein Thema geworden. Ich habe ja schon in einigen west-deutschen Städten gewohnt (für mich als West-Berlinerin ist ursprünglich alles ausserhalb Berlins "West-Deutschland" - Ost-Deutschland war eigentlich kein Thema, da fuhr man in der Regel auf der Transit-Autobahn nur durch. Und ganz selbstverständlich sagen alle Ur-West-Berliner, die ich kenne, auch heute noch: "Ach, wir fahren ein Wochenende nach West-Deutschland, wenn sie Berlin verlassen. Und eher nicht "Wir fahren nach Süd-Deutschland" - "Nord-Deutschland" o.ä.).
Und irgendwie habe ich da überall schon immer eine Menge Ossis gekannt, meine beste Freundin - als ich in Hannover wohnte - kam aus Thüringen, in der Deutschen Welle in Köln gab es neben jeder Menge weiterer Nationalitäten natürlich auch Ossis ;-), selbst im schwäbischen Epizentrum in Ulm lernte ich eine Ossi-Mama in der Pekip-Gruppe kennen, ein Großteil meiner mütterlichen Verwandtschaft kommt aus der Nähe von Wernigerode. Aber irgendwie waren diese Ossi-Wessi-Geschichten nie so ein Thema.

Hier im Prenzlauer Berg ist das Thema allgegenwärtig.

Letztens schwatzte ich mit einer Nachbarin, einer sich selbst als Alt-Mieterin bezeichnenden netten Frau um die 40, darüber, dass man im Haus doch allgemein ein bisschen mehr auf Sauberkeit achten könnte, als sie schließlich leise zu mir sagte "Naja, Sie wissen ja, früher war das anders... aber seitdem die ganzen Wessis hier sind..." (Ich entschied mich dann doch nicht ihr zu erzählen, dass ich auch so 'n "Wessi" bin).
Oder neulich beim Spazierengehen sagte jemand beim Vorbeilaufen "Also, seitdem die ganzen Wessis hier sind, ist der Prenzlauer Berg nicht mehr das, was er mal war...".
Na, das stimmt natürlich. Das ist er nicht und wird es auch nie wieder sein. Und ja, es stimmt, die Mietpreise hier erinnern mich zuweilen an unsere Wohnungssuche in München - je nachdem, in welcher Ecke im Prenzlberg man schaut. Und das bewirkt natürlich, dass Alt-Mieter diese Preise nicht mehr zahlen können und wegziehen müssen. Das ist nicht schön - aber die Welt dreht sich eben weiter.

Letztens hörte ich im Radio, dass Neukölln auf dem besten Wege ist, zum Szene-Bezirk zu werden (ist mir ehrlich gesagt ein echtes Rätsel, ich wohnte da während meines Studiums ein paar Jahre) - sollte das der Fall sein, wird da ein ähnliches Phänomen stattfinden: Die Mietpreise werden steigen, alteingesessene Bewohner werden jene Teile Neuköllns verlassen müssen usw. So wie es rund um die Bergmannstrasse in Kreuzberg schon vor Jahren stattfand (übrigens durch den Zuzug vieler "West-Deutscher". Ich glaube, dort ist die Entwicklung mittlerweile rückläufig). Das ist normal, sowas passiert - ist das wirklich ein Grund Fronten zu errichten?

Nach der Wende ging ich mit einigen Freunden gerne in den Dunckerclub. Der war irgendwie so unglaublich abgefucked und oll, das fanden wir einfach cool. Und die Gegend war noch viel abgefuckter und oller. Und irgendwie dachte ich jedes Mal "Wer hier wohnt, der hat wirklich verloren" und ich fand es immer ein bisschen angenehm gruselig, nachts nach dem Club-Besuch durch die finsteren Straßen mit den zerfallenen Häusern zum nächsten Nachtbus zu laufen. Und für mich stand immer fest: Hier kann man wirklich auf keinen Fall wohnen und leben!
Heute wohne ich in der Dunckerstrasse und es erscheint mir immer wieder unglaublich und etwas unwirklich, wenn ich die Gegend damals mit der Gegend heute vergleiche (den Dunckerclub gibt's übrigens auch heute noch - und ich glaube, der hat sich wirklich nicht verändert).

Ja, na klar hat es sich hier verändert. Aus einem vollkommen verkommenen Stadtteil, der während der DDR-Zeiten bewusst verfallen gelassen wurde, weil man hier alles wegreißen und Platte bauen wollte, wurde ein spannender, in manchen Bereichen komplett sanierter Stadtteil. Ein Stadtteil, in dem es jede Menge kleiner Designer-Läden gibt, Kreative sich zusammentun, versuchen, ihre Träume zu verwirklichen, Familien ob der hohen Kinder-/Familiendichte hinziehen, viele Leute aus den Neuen Medien wohnen (obwohl die ja doch schon größtenteils nach Mitte abgewandert sind - so sie keine Kinder haben).

Der Prenzlauer Berg so wie er heute ist, ist ein Kind der Wende. Und ohne die "bösen Schwaben" würde es hier heute anders aussehen. Wobei man sich ja auch vor Augen halten muss, dass dieses Prenzlauer Berg, das so furchtbar durch die "Wessis" versaut und ost-entfremdet wurde, ja nur einen Teil des tatsächlichen Stadtteils ausmacht. Es gibt ja durchaus noch Ecken, in denen ist man ist noch "unter sich".

Aber insgesamt stimmt es: Die Zeit ist im Prenzlauer Berg nicht stehen geblieben. Und ich bin frohen Mutes, dass sie das auch in Zukunft nicht tut ;-)

10 comments:

stadtfrau said...

so ist es nun mal in größeren städten: eben noch heruntergekommene stadtviertel werden plötzlich hip - kann man auch hier in wien (wenn auch in kleinerem rahmen) erleben.

und: fabians uroma kommt aus wernigerode! (die liebe brachte sie ins damals furchtbar rückständige südburgenland.)
ich hab zwar keine ahnung, wo das genau ist, aber irgendwann wollen wir uns das mal anschauen.

Suse said...

Wernigerode ist wirklich allerliebst, romantisch und hat ein zuckersüßes Schlößchen - also wenn man von den Massen an Neo-Nazis dort absieht; leider hat sich an dieser Tendenz ja seit den 30er Jahren irgendwie nicht viel geändert...

Natalia said...

Das ist ja witzig! Es scheint so, als würden einige Vorfahren in der Blogwelt aus dem Harz kommen. Max Opa kommt aus Blakenburg :-)
Und, ja, Wernigerode ist wunderschön.

tg said...

Schöner Eintrag. Geht mir auch immer so - ich komme aus Thüringen, war aber diverse Jahre im Allgäu und Schwaben und für mich war dieses Ost-West-Thema nie eines. Ebenso wenig wie in meinem (West-)Umfeld. Im Osten hört man aber schon mehr die Mecker, hab ich das empfinden ... Kann man nix machen, ich denke das liegt an den Generationen, und da braucht es noch so zwei bis fünf um das wirklich zu überwinden. Ich mag die Entwicklung der Städte auch - Leipzig ist so ein schönes Beispiel dafür, die Stadt pulsiert. Das gefällt vielen, einigen eben nicht ... Aber es ist mir lieber als so festgegossene Orte von denen es in den alten Bundesländern einige gibt, die sich seit Jahren einfach überhaupt nicht mehr entwickeln. Die Erde dreht sich weiter, wie Du so schön schreibst. Und das ist durchaus gut so ;)

Anonymous said...

Das ist doch meist so, die alt "Eingesessenen", die kaum ihre Heimat verlassen, haben Angst vor dem "Neuem" und "Unbekannten". Da wird lieber erstmal auf Abstand gegangen oder gemeckert ;-) Wer viel in der Welt herum kommt, wird offener und einsichtiger.

LG Birgit

Kassiopeia said...

Schade, dass ich wohl im August nicht soviel Lust haben werde, weil allein mit drei Kindern, ausm Rand nach Berlin rein zufahren. Schade! Ist nämlich sehr interessant, was da passiert. Vermissen tu ich meine Geburtsstadt seltsamer Weise kaum, seitdem ich Kinder hab, früher war die Sehnsucht nach Berlin größer. Bis man merkt, dass man weg ist und Dinge sich eben verändern... Danke, für den Lagebericht! ;)

Kassiopeia said...

PS. Ich bin ein Ostkind! ;)

tobi said...

Hi, ich bin ein Thüringer der ebenfalls in Berlin gestrandet ist. Aber wohne im tiefen Ost-Berlin, Karlshorst. :-)
Am schlimmsten sind die Ost-West-Konflikte in den grenznahen Gebieten. Zumindest in meiner nordthüringer Heimat Nordhausen, gibt es böse Barrieren auf beiden Seiten. Dort wird es am längsten Dauern, aber irgendwann einmal. :-)
Aber in Berlin habe ich mit der Problematik noch kein Problem gehabt. Liegt eher an meiner Wohngegend am Ar... der Welt.

PS: Aber man merkt diese Problematik auch in der Studigruppe "Neu in Berlin". Vor einem Jahr gab es sowas beim Stammtisch noch nicht. Aber die Diskussion letzte Woche zeigt das Gegenteil. Schade, da geht ein bisl der Flair des Stammtisches verloren.

jette said...

Ich mag den Prenzlberg. Ich kann nicht meckern. Ich mag nicht dort wohnen, ist mir zu voll und zu viel los, aber ich arbeite sehr gern dort und bin gern da so unterwegs.
:)

(Geboren bin ich im Harz ... )

Suse said...

@ Kassiopeia: Siehste - mir ging's genau umgekehrt. Seitdem ich Kinder habe, wollte ich gerne in die Heimat zurück ;-)
Und ich bin hier ja auch ausgesprochen zufrieden - Ossi- und Wessi-Gedöns hin oder her.

Es soll in meinen Beiträgen nicht so klingen, als fände ich das schlimm. Und ich finde es auch unnötig, das zu Dramatisieren. Genauso wenig halte ich davon, es zu Tabuisieren (ick hab ne Ossi-Bekannte, bei der darf man das Thema am besten gar nicht anschneiden ;-)).
Es ist wie es ist - kommt nur drauf an, wie wir damit umgehen. Und ein bisschen Selbstironie, ein bisschen mehr Gelassenheit auf beiden Seiten - und das wird schon ;-)