Wednesday, June 17, 2009

Mobbing an der Schule

Es ist keine Lappalie und auch der gut gemeinte Rat "Dann hau doch einfach zurück!" ist keine Lösung: Fast jeder dritte Schüler an weiterführenden Schulen wird gemobbt, ca. jeder 10. Schüler wurde Opfer körperlicher Gewalt. Das sind die Ergebnisse einer Studie der Uni Lüneburg.
Mobbing fand natürlich schon immer statt - irgendeine Mitschülerin/ein Mitschüler, die/den die Gruppe auf dem Kieker hatte und der/dem man das Leben schwer machte, gab es in jeder Klassenstufe. Aber die Zahl der gemobbten Kinder und Jugendlichen hat doch rapide zugenommen. Und die Qualität des Mobbings hat sich verändert. Man kennt die Berichte von brutalen Übergriffen, die per Handy-Kamera gefilmt werden - stolz an Freunde weitergeschickt werden und dann schließlich bei youtube und co auftauchen. Und neben den psychischen Schmerzen dann noch die Bloßstellung in der Öffentlichkeit hinzukommt.

Die Folgen sind zahlreich: viele gemobbte Kinder und Jugendliche ziehen sich zurück, treffen sich selten mit Freunden - ein echter Verlust an Lebensfreude. Außerdem treten bei gemobbten Kindern und Jugendlichen häufiger Bauch-, Rücken- oder Kopfschmerzen und Schlafstörungen auf.

Bei diesem Thema sind eindeutig nicht nur die Lehrer in der Pflicht - sondern vorallem auch die Eltern. Sobald Kinder sich seltener mit Schulfreunden treffen, plötzlich ungern in die Schule gehen und bedrückt wirken, sollte man aufmerksam werden. Aber auch wenn sich Eure Kinder unauffällig verhalten - habt Eure Kinder im Auge. Und wenn ihr feststellt, dass Euer Kind ein Täter ist: Holt Euch Hilfe! Falscher Stolz "Wir schaffen das schon alleine!" und möglicherweise noch unter Druck setzen des Kindes bringt da nichts. Überall in Deutschland gibt es kostenlose Beratungsstellen. Diese beiden Anlaufstellen sind nur zwei von vielen in Berlin:
- Jugendberatungshaus compass.mitte
- Familienberatung der Immanuel Diakonie in Berlin

Und Eltern... Ihr habt nicht alles in der Hand. Und viele Entwicklungen, die ein Kind und Jugendlicher durchmacht, können gar nicht oder kaum von den Eltern beeinflusst werden. Aber es gibt trotzallem vieles, was wir in der Hand haben. Also hört doch einfach auf, Eure Kinder darauf zu trimmen, immer der Beste zu sein (wie oft höre ich sowas auf dem Spielplatz...). Und bringt Euren Kindern bei, selbstbewusst und nicht selbstgerecht zu sein. Bringt Euren Kindern bei, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu akzeptieren - ebenso wie die Bedürfnisse des Kindes im Sandkasten gegenüber. Und lasst doch bitte, bitte Sprüche wie "Der Junge hat dir deine Schippe weggenommen und will sie nicht wiedergeben? Dann musst du ihm mal ordentlich auf die Finger hauen!" - "Das Kind hat mit Sand geschmissen? Dann schmeiss mal zurück, dann wird es schon sehen, wie das ist!"
Jetzt mal ernsthaft - das muss doch wirklich nicht sein.
Ich bin sowieso dafür, sich als Erwachsener soweit es geht aus Kinderbeziehungen rauszuhalten, damit Kinder sich miteinander ausprobieren können, soziales Verhalten spielerisch lernen können. Aber wenn man eingreifen muss, dann doch bitte unterstützend pro sozialem Verhalten. Und nicht unterstützend pro Ellenbogenverhalten.

7 comments:

Yvonne said...

Liebe Suse, Du sprichst mir aus dem Herzen! Ich hoffe inständig, dass Finnley niemals Opfer und schon gar nicht Täter sein wird. Wir versuchen unser Bestes zu geben, um ihn dabei zu unterstützen ein rücksichtsvoller und toleranter Mensch zu sein. Ich hoffe, es reicht...

Natalia said...

Hallo Suse,
schön, dass du das Thema angesprochen hast. Ich habe viel Angst, was passiert wenn Max in die Schule kommt. Irgendwie habe ich den Eindruck, er ist das perkekte Mobbingopfer, da er viel zu süchtern und in vieles zu unsicher ist. Er würde nie im leben jemand absichtlich weh tun und seine Welt beinhaltet keine Gewalt. Deswegen ist er oft fassungslos, wenn andere Kinder schubsen/hauen/beissen/was auch immer.
Und jetzt habe ich noch ein Dilemma: was ist mit Petzen? Oder was versteht man darunter? Bei meiner Geburtsfeier haben wir folgendes erlebt: drei Jungs in Max Alter (alle Kinder unsere Freunde, die Max eigentlich sehr gut kennt und die an sich recht lieb sind) haben sich zusammen getan und sich gegen Max beschöwrt. Es fing recht hramlos an und sie haben ihn einfach geärgert (Max ist schnell beleidigt und das fanden sie lustig). Das Ganze ist aber aus dem Ruder gelaufen und es endeten mit allen 3 auf Max Hochbett von wo sie Max gespuckt und mit Legosteine beworfen haben. Wir haben wenig mitgekriegt. Wir dachten, Jungs sind eben wild. Irgendwann kam Max komplett in Tränen gelöst und hat erzählt, was los war. Tja, und als erstes hat sich ein Vater über ihn lustig gemacht und ihn als Petze betitelt und gesagt, wenn er in die Schule kommt, darf er so nicht petzen. Ich war in dem Moment sprachlos, aber das Ganze gab mir viel zu bedenekn. War das wirklich falsch von Max uns zu berichten, dass 3 Kinder sich gegen ihn beschwört hatten (und das in seinem Kinderzimmer mit seinen Spielsachen, die er grosszügig geteilt hatte)? Ich habe zu ihm gesagt, er soll sowas immer bei einem Erwachsenen melden, aber als er das erneut versucht hat (wegen was anderes, kleineres), dann kam sofort wieder von einem anderen Vater die Kritik wegen Petzen.
Ich weiß nicht, wie ich ihn sonst gegen Mobbing schützen kann. Er sollte doch keine Angst (oder Scham) haben, mich über Angriffe in der Schule zu berichten, oder?

seemownay said...

Als ehemaliges Mobbingopfer bin ich da echt gebrandmarkt. Ich bin immer viel zu schnell alarmiert. Trotzdem versuche ich so gut wie gar nicht einzugreifen. Bin bei einigen Müttern auf dem Spielplatz sicher als Rabenmutter bekannt ...
... ich achte schon darauf, dass mein Kind den anderen Dinge nicht aus der Hand reißt oder über den Kopf zieht. Trotzdem ist es schwierig. Besonders schwierig finde ich diese "ich bin nicht mehr Dein Freund" Aktionen und auch die ich bin Bester, Schnellster, Größter sind hier wichtig. Ich weiß da überhaupt nicht, wie man da sinnvoll dagegen wirkt.

Suse said...

Oh, Natalia - das ist aber eine harte Geschichte! Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich gegenüber diesem Vater nicht hätte ruhig bleiben können - denn das ist schon ein dickes Ding, sowas zu einem Kind zu sagen, das gerade um Hilfe bittet.
Meiner Meinung nach hatte Max' Reaktion NICHTS mit petzen zu tun. Es hat sich zwischen den Kindern eine Situation entwickelt, in der er sich sehr unwohl fühlte und die er nicht mehr alleine in den Griff bekam. Ich finde es absolut richtig, dass er sich da hilfesuchend an Euch Erwachsenen wandte - genau die richtige Reaktion von ihm. Es wäre doch fatal gewesen, wenn er sich nur in die Ecke gesetzt, geweint und sich total zurück gezogen hätte. Oder zurück geschlagen hätte und die Situation eskaliert wäre. Stattdessen ist er aktiv geworden, um die Stituation zu verändern. Ich finde, man sollte Max sogar bestärken darin, dass er genau das Richtige tat.
Dieser Vater da.. puh... der "knüppelte" also auch noch auf ein sowieso schon verletztes Kind ein, macht sich über ihn lustig und nennt ihn eine Petze. UNMÖGLICH!

Petzen ist für mich, wenn jemand etwas Schlechtes oder Entlarvendes weitererzählt/öffentlich macht (wahr oder unwahr), um einen Vorteil daraus zu gewinnen oder ganz einfach jemanden zu ärgern.
Wenn man allerdings um Hilfe bittet - ist das kein Petzen.

Im Gegenteil: Gerade um so etwas zu verhindern, dass meine Kinder mal Mobbing o.ä. zum Opfer fallen könnten, ermutige ich sie immer, dass sie mir oder ihrem Papa alles erzählen können - auch Unangenehmes, Peinliches oder Dinge, bei denen sie denken könnten, wir wären enttäuscht von ihnen.

Ja, Simone - dieses "ich bin der Größte, Beste...!" ist bei uns auch gerade Thema - wegen eines Freundes der Kinder. Leider sehen die Eltern des Kindes das nicht so - sondern unterstützen das Kind sogar noch in dieser "Ich bin der größte"-Art (eben weil das Kind mal extrem ängstlich und weinerlich war). Mit dem Ergebnis, dass einige Kinder - auch mein Sohn - nicht mehr so richtig Lust haben, mit dem Kind zu spielen. Macht ja auch keinen Spaß, wenn man dem Freund z.B. ein neues Spielzeug zeigt - und der nur sagen kann "Mein Auto Zuhause ist aber viiieeel größer". Ich denke, dass das ein Punkt wäre, wo die Eltern eingreifen sollten - allein schon ihrem Kind zuliebe.
Wir haben hier bei uns Zuhause mal einen gewaltigen Fehler gemacht mit diesem "Ich bin der Erste"-Ding. Es fing als Spiel an - wenn einer von den beiden mal irgendwas besonders langsam machte und wir weiterkommen wollten - "mal schauen, wer von Euch beiden der Erste ist": Und 'schwubs' waren sie fertig. Aber mit einem Mal, wurde daraus ein echt ätzender Dauerwettbewerb. Und bei jedem Piep und Pup versuchen die beiden sich gegenseitig zu übertrumpfen - wer läuft als schnellster in den Kindergarten (Geheule, wenn die Kleine langsamer war), wer ist als erster mit dem Essen fertig, wer putzt sich als erster die Zähne undundund. Man glaubt es kaum, aus was Kinder so alles einen Wettbewerb machen können :-) Und das trug sich dann bis in den Kindergarten. Jaja, die Geister, die ich rief...
Wir sprachen dann mit beiden Kindern, dass wir das Spiel nicht mehr machen, weil einer doch immer unglücklich dabei wird und es ja wirklich total egal ist, wer der Erste ist. Und es dauerte nur ein bisschen - schon hatten beide gelernt "Es gibt keinen Ersten mehr".
Der Fehler lag bei uns, damit überhaupt erst anzufangen - aber wir haben auch nicht den Anspruch, keine Fehler zu machen (fehlerfreie Eltern wären ja auch was schreckliches für Kinder - welches Kind sollte neben fehlerfreien Eltern bestehen können?). Aber man kann mit den Kinder sprechen - und die unschön gewordene Situation wieder ins Positive verändern.

kaanu said...

Liebe Suse, vielen Dank für diesen beeindruckenden Beitrag.

Ich bin ja gerade erstmals mit dem Thema ansatzweise in Kontakt gekommen und hätte nicht gedacht, dass das einen als Mutter so mitnimmt.

Erst beim ins Bett bringen, habe ich unserem Großen genau das gesagt : Du kannst immer zu mir kommen, wenn Du Sorgen oder Ärger hast. Ich werde Dir immer zuhören.

Ansonsten merke ich gerade auch, dass es wichtig ist, die Kinder - wenn es noch Mini-mobbing ist, das ganze allein klären zu lassen. So lange man sicher ist, dass kein Kinder seelisch extrem leidet, lernen sie wirklich mehr, wenn sie sich da selber durchkämpfen und Mama und Papa nur mit dem offenen Ohr, den gespitzten Antennen und bei Bedarf Rat da sind.

Natalia said...

@suse: So sehe ich das auch und so werde ich weiter handeln. Da Max nie im Leben zurückhauen würde (egal wie schlimm die Lage wäre, da bin ich mir und auch seine Erzieher 100% sicher), versucht er erstmal mit Worte zu handeln, wenn er aber nicht weiter kommt, hat er von uns und von den Erzieher die Unterstützung, wenn er sich zu uns wendet. Was könnte er sonst tun?

stadtfrau said...

gut, dass du auch die andere seite ansprichst: dass das eigene kind nämlich auch der täter sein kann - da sind eltern nämlich eher unaufmerksam, denke ich ("MEIN kind tut sowas nicht"). udn dazu führt eben auch, dass viele eltern einerseits sofort aufspringen, wenn ein anderes kind ihrem augenstern zu nahe kommt, andererseits aber zufrieden beobachten, wenn sich ihr kind auf unfaire weise durchsetzt - das ist ja dann vermutlich ein zeichen für intelligenz oder so. das ist ein elternverhalten, das ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. ich finde, kinder können viele ihrer konflikte prima selber lösen, aber wer austeilt, muss auch einstecken können und nur weil mir mein eigenes kind näher steht, kann ich doch nicht ein verhalten, dass ich gerade eben bei einem anderen kind verurteilt habe, bei ihm gut heißen. ich vermute, viele kinder wissen, dass sie bei ihren eltern einen "bonus" haben.

die "schneller/größer/stärker"-phase macht sicher jedes kind mal durch und mal abgesehen davon, dass es nervig für die eltern ist, lernt das kind aber auch viel daraus, nämlich, dass es nicht immer der beste ist, sondern dass es seine stärken hat und dafür in anderen bereichen wiederum von anderen übertrumpft wird. wobei das familienintern, so wie bei euch, sicher eine andere geschichte ist.